Abschied nehmen von der Unfehlbarkeit des Menschen

Gut zwei Generationen glaubten, alles sei technisch machbar. Nach dem 2. Weltkrieg brauchte es eine Fortschrittsstrategie. Sie fand in der Konstellation des kalten Krieges dankbare Empfänger. Der Wettlauf der Eroberung des unmittelbar nächsten Weltraums bedeutet für die USA und die UdSSR die schiere Weltherrschaft. Der wirtschaftliche Aufschwung war ein Energiefresser und Umweltzerstörer ungeahnter Grössenordnung. Man erfand die Atomenergie, die Lösung aller Energieprobleme. Man verkaufte es als Wunderlösung und verdrängte alle Bedenken. Die USA nützte die Technologie sogar als Garantie für die westliche Führerschaft, quasi als Währung für den Erhalt der europäischen Freundschaft. Im Zuge der technologischen Euphorie wurden nicht nur alle Bedenken weggewischt, sondern es wurde die Unfehlbarkeit der menschlichen Genialität beschworen. Darauf haben wir alles aufgebaut und darauf verlassen wir uns noch heute. Doch nicht nur der Mensch und mit ihm auch der Papst ist nicht unfehlbar, fehlbar ist jede Technologie und jedes System.

Tagtäglich werden Menschen auf den Strassen getötet und verletzt, obwohl das wichtigste Argument für jedes Automodell dessen Sicherheit ist. Angefangen bei den Sicherheitsgurten, dem ABS, den Airbags und den Kopfstützen, glaubt man der Werbung, kann nichts passieren. Doch die Statistiken sprechen eine andere Sprache. Wir haben uns damit abgefunden. Es sind bloss Einzelfälle und nicht die Regel.

Genauso sehen wir das mit Erdbeben, Tsunamis, Flugzeugabstürzen und dem Atommüll. Alles blosse Randerscheinungen, für die der geniale Mensch immer eine Lösung hat.

Nach jeder Katastrophe die Versprechen der Politiker, aus dem Unglück Lehren zu ziehen und es in Zukunft besser zu machen. Bis zur nächsten Katastrophe.

In der Zwischenzeit lassen wir uns beschwichtigen. Aktuell zum Beispiel die Economiesuisse, die uns die nächste Atomenergie-Generation als die sicherste aller Atomenergien verkauft und sogar verspricht, dass es kaum der Rede wert mehr ist, über den Atommüll zu reden, weil es gar keinen mehr gibt.

Genauso unfehlbar erscheinen uns die Finanzspezialisten, die alles im Griff haben und nur hinter vorgehaltener Hand erzählen, dass sie selber die Hedgefonds nicht mehr begreifen. Offiziell aber hat man es unter Kontrolle und eilt von einer geplatzten Blase zur anderen. Immer schneller platzen diese und immer grösser ist der Knall. Fehlbar ist, wer falsch spekuliert hat und alles verliert oder darüber hinaus den Staat die Zeche bezahlen lässt.

Wir sollten langsam begreifen, dass weder der Einzelne noch das Kollektiv unfehlbar ist. Wir sollten uns mehr mit Innovationen beschäftigen, die wirklich alle Komponenten berücksichtigen und dabei nicht blinde Flecken schaffen. Im Falle der Finanzwirtschaft sollten wir deren Innovationsgeist eher beschränken, damit die nicht Dinge erfindet, die weder sie noch wir alle kontrollieren können. Genauso verhält es sich mit der Technologie, die ein Mass angenommen hat, die wir weder überschauen noch in letzter Konsequenz beherrschen können.

Wir sollten begreifen, dass die Medaille immer zwei Seiten hat und dass der Mensch fehlbar ist.

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