Wer von schamlosen Pensionskassenmanagern spricht, hat nichts verstanden

Diese Woche ist publik geworden, dass die Eidg. BVG-Kommission dem Bundesrat für 2012 eine Reduktion des BVG-Mindestzinssatzes von 2% auf 1.5% empfiehlt. Der Bundesrat hat darüber zwar noch nicht befunden, aber sofort konnte man auf diversen Onlineforen lesen, dass das BVG marode ist und die Pensionskassenmanager schamlose Abzocker seien.
Ich arbeite seit Abschluss meiner Ausbildung in der beruflichen Vorsorge – ich darf also behaupten, dass ich etwas von der Materie verstehe. Der Abzockervorwurf entbehrt jeder Grundlage:

Der Vergütungszins ist deshalb so tief, weil man auf den Märkten praktisch keine anständige Performance erwirtschaften kann. Die Aktien sind wieder am sinken, die Immobilien rentieren schlecht, die 10 jährigen Bundesobligationen haben eine Rendite von gerade mal 1%. Kommt hinzu, dass die jetzigen Rentner bei den meisten Pensionskassen mit zu hohen Renten pensioniert wurden. Man hat damals mit Kapitalmarktrenditen von 4% und mehr gerechnet – diese müssen immer noch erwirtschaftet werden, um die Renten zu garantieren. Da man den Rentnern (bis auf die Teuerungszulage) keine Rententeile senken kann, müssen die Aktiven, also wir Arbeitnehmer, die Rentner quersubventionieren. Mit dem Volks-Nein letztes Jahr zur Senkung des BVG-Umwandlungssatzes wurden zudem die hohen theoretischen Kapitalmarktrenditen zementiert. Das bedeutet, dass jeder Neurentner eine zu hohe Rente hat, also eine Rente, die nicht finanziert ist, was wiederum bedeutet, dass wir Aktive auch in Zukunft durch Performanceverzicht die Rentner quersubventionieren werden.
Ein Trost gibt es: der BVG-Teil entspricht bei vielen Versicherten nur einem kleinen Teil ihres Alterskapitals. Auch das wissen viele Kritiker nicht. Das bedeutet, dass ihre Pensionskasse auch andere Zinssätze (allerdings auch tiefere) ansetzen kann. Die Löhne der Mitarbeitenden von Vorsorgeeinrichtungen sind dabei absolut marktüblich – von der „Abzockerei“ sind wir weit entfernt.
Die Kritiker müssen auch nicht behaupten, dass sie gegen die „bösen“ Pensionskassen nichts unternehmen können. Als Versicherte können sie ihren Stiftungsrat wählen, welcher paritätisch (gleiche Anzahl Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertreter) zusammengesetzt ist. Und wenn sie bei einer Lebensversicherung und autonomen Sammelstiftung angeschlossen sind, können sie den Anschluss auch aufkünden und sich anderswo als Kollektiv versichern lassen. Man muss nur wollen...

Die einzige Behauptung, die richtig ist, ist, dass die berufliche Vorsorge die Versicherten zwingt, zu sparen. Man kann dagegen sein, aber dann bitte ich die Wählerinnen und Wähler Politiker zu wählen, die das BVG abschaffen wollen. Sie werden sehen – viele Politiker werden Sie nicht finden.

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