IST DIE SCHWEIZ ZU KLEIN ODER DIE WELT ZU GROSS?

Von den Laternenmasten am Strassenrand, von allen Plakatwänden, in allen Zeitungen und auf fast jeder Online-Newsseite der digitalen Eidgenossenschaft prangen wieder einmal Plakate mit bedrohlichen Stiefeln, die die Schweiz offenbar überrennen. Die SVP macht Werbung für ihre nächste Initiative. Man liest und hört allenthalben, dass es enge werde in unserm Land. Der Platz werde knapp. Die Sozialwerke, der Arbeitsmarkt, das Wohnungsangebot, das Bauland, die Schulen, die Spitäler und die Kläranlagen, die Strassen und Eisenbahnen – alles platzt aus allen Nähten. Ja sogar die Energie wird deswegen knapp und die Zuwanderung ist schuld am Klimawandel, der Zersiedlung und an zu hohen Krankenkassenprämien und am Verlust der eigenen Identität. Wie ein „Billiger Jakob“ an der Kirmes, der sein Wunderküchengerät der neusten Generation anpreist und alle umstehenden und staunenden Leute auch immer wieder darauf hinweist, dass dies nun die absolut allerletzte Chance sei, sein Wundergerät zu kaufen. Die Chance kommt nie mehr! Morgen ist es zu spät! Morgen sind wir alle untergegangen! Kein Wunder machen sich die Menschen Sorgen.

Sorgen muss man ernst nehmen, denn Sorgen führen zu Angst und wenn Angst beginnt die Grundlage für Entscheidungen zu sein, leidet die Weitsicht bei Entscheidungen. Es kommt zu Kurzschlusshandlungen, zu Entscheidungen im Affekt. In der Raumplanung kann es kaum ein schlimmeres Szenario geben, als wenn Entscheidungen ohne Weitsicht getroffen werden. Ein einmal eingezontes Gebiet, eine einmal beschlossene Strasse kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Die Wirkungen sind für mehrere Generationen irreversibel und externe Effekte verstärken die Auswirkungen eines Fehlentscheids massiv.

Dabei sind viele der Behauptungen mit einem kurzen Blick in die vorhandenen statistischen Daten widerlegbar. So z.B. bei den Sozialwerken, wo sich zeigt, dass das Umlageverfahren der AHV ohne Einzahlungen der ausländischen Arbeitnehmer längst zusammengebrochen wäre. Auch bei den übrigen Sozialwerken, IV und Krankenkasse überwiegt der Geldwerte Eingang die Ausgaben bei weitem. Bei den verfügbaren Wohnflächen ist es besonders augenfällig: Gemäss Arealstatistik des Bundes haben wir Schweizer (v.a. im ländlichen Raum des Mittellandes) noch baureife, eingezonte Flächen für über 1,5 Mio. Menschen geschaffen! Dabei sind die möglichen Innenverdichtungen innerhalb der gewachsenen Siedlungsflächen noch gar nicht berücksichtigt, genauso wie dass wir dreimal mehr Wohnfläche pro Person brauchen als noch vor wenigen Jahren. Wir machen uns unserer Zersiedlung selbst. Es sind nicht Ausländer, die Einzonungen an den falschen Orten und im Übermass vornehmen.

Raum- und Verkehrsplanung ist untrennbar miteinander verbunden.

Beim Verkehr ist es besonders interessant zu untersuchen, wie sich die „Überfüllung“ der Verkehrswege (Strasse und ÖV) eigentlich zusammensetzt. Da sind zum Einen die Stauhäufigkeit und die Staudauer und zum Anderen die Häufigkeit des Sitzplatzmangels in den Zügen, die regelmässig als Beweis der zunehmenden Überbevölkerung bemüht werden. Betrachtet man die wissenschaftlichen Untersuchungen dieser Phänomene, so kommt man allerdings zu einem anderen Schluss als die SVP. Z.B. bei der „Überfüllung“ von Strasse und Bahn: Zum Einen sind die Belastungen i.d.R. nur zu bestimmten, sehr kurzen Zeiten wirklich systemstörend. Zum Anderen ist es interessant, nach den Ursachen zu suchen, die bei all diesen Überlegungen regelmässig verschwiegen werden. Z.B. dass wir innert der letzten dreissig Jahre damit begonnen haben, stetig weiter und weiter zur Arbeit zu pendeln. Die Pendeldistanzen sind im Mittelland bis aufs Vierfache gewachsen. Zeitlich übrigens nicht. Wir pendeln noch in etwa gleich lange wie in den 70er-Jahren, aber eben viel, viel weiter! Das heisst natürlich auch, dass jeder Pendler bis zu viermal mehr Strassenfläche (oder Bahntrasse) für dieselbe Tätigkeit „verbraucht“ als vor einigen Jahren. Und zwar innerhalb desselben Zeitfensters: Was erst recht dazu führt, dass Verkehrsflächen viel mehr „ausgelastet“ werden. Diese Tendenz wächst übrigens mit jeder neuen Strasse.

Noch extremer stellt sich die Entwicklung der Freizeitmobilität dar: Ca. 50% des gesamten Verkehrs ist auf den Freizeitverkehr zurückzuführen. Noch niemals in der Geschichte der Menschheit war Mobilität so billig und so einfach und so sicher wie heute. Das geht soweit, dass Erzkonservative „Autoparteivertreter“ ungehinderte Individualmobilität zum Grundrecht erheben wollen. Dabei wissen wir – nur schon auf Grund der erwähnten Entwicklung bei den Pendlerdistanzen – dass wir Mobilität und Siedlungsentwicklung zusammen betrachten müssen. Immer neue, bessere, schnellere Verkehrsverbindungen in den Randregionen haben Auswirkungen auf die Siedlungsstruktur, was wiederum Auswirkung auf die Verkehrswege hat. Ein Hexentanz um den Kessel der Raum- und Verkehrsentwicklung! Der Entwurf des Richtplans des Kantons Aargau enthält denn auch wiederum ein gutes Dutzend neuer Umfahrungen für ungefähr eine Milliarde Franken. Das alte Rezept wird wieder bemüht, und der Hexentanz geht weiter. Wir werden damit aber keine Probleme lösen. Mobilität muss intelligenter werden! Daran werden wir arbeiten müssen. Mit Zuwanderung hat dies wenig zu tun.

Führt Zersiedlung zu Identitätsverlust
Ebenso ungebremst schreitet die Zersiedlung voran. An fast jeder Strassenkreuzung sind Tankstellenshops geplant. Nicht etwa, weil es um die Kraftstoffversorgung der Automobilisten schlecht bestellt wäre, sondern weil sich die Verkaufsläden dieser Shops zu wahren Goldgruben entwickeln. Immer wieder werden genau von der Partei, die den Identitätsverlust als Feindbild hochstilisiert, Einzonungen für solche Läden auf der grünen Wiese vorangetrieben. Dass sie damit genau das fördern, was sie vordergründig bekämpfen, verschweigen sie. Der Verlust an Identität stammt nämlich auch daher, dass sich die Dorfzentren von Läden und Märkten entvölkern und bereits die Kinder lernen, dass man ins Auto steigen muss, wenn man ein Brot kaufen will! Das ist auch eine Art Identitätsverlust, nämlich der Verlust der örtlichen Identität. Dabei hat sich diese Form des Identitätsverlusts ebenso ganz ohne die Mithilfe der Einwanderung ergeben. Wir machen das ganz alleine.

Unser „Bild“ der heilen Welt ist geprägt von Bildern, die wir uns zueigen gemacht haben. Das Einfamilienhaus mit der Mutter, die zu Hause ist, die Kinder erzieht und das Heim behütet, ist nichts anderes als der amerikanischen „Way of Life“, der uns in den 50er-Jahren übers Kino erreicht hat; adaptiert von Filmen aus Deutschland und Frankreich. Das Familienleben sah aber nur während einer sehr kurzen Zeit und nur für sehr, sehr wenige Schweizer tatsächlich so aus. Ebenso verklärt scheint das Bild, das viele von der Landwirtschaft haben, von Ueli dem Knecht beeinflusst zu sein! Die perfekte Landschaft stellen sich viele Zeitgenossen mittlerweile so vor wie in den Heidifilmen. Besonders abstrus wird die Verklärung, wenn man bemerkt, dass sich besonders die Darstellung der japanischen Trickfilmversion in den Köpfen festgesetzt hat. Unsere „Identität“ wurde also medial perfektioniert an uns zurückgeschickt. Wir haben dies aufgenommen und zu unserer eigenen Erinnerung hinzugefügt. Wunschträume einer Vergangenheit werden so zu einer „echten“ Vergangenheit, die mit der heutigen Wirklichkeit immer weniger zusammenpasst. Zu erleben, wie die eigne Identität von „aussen“ gelobt, gefeiert, aber auch interpretiert wird, kann nicht ohne Veränderung des eigenen Selbsterlebens einher gehen. Vor allem, weil dies über einen Zeitraum hinweg geschieht, der für den Einzelnen nicht unvoreingenommen erlebbar ist. Schliesslich haben wir alle in dieser Zeit den kollektiven Wandel der Welt miterlebt.

Mit der Informationstechnologie ist unsere Stube das Tor zur Welt geworden und die Welt kann in unsere Stube schauen. Wer heute in Kloten ins Flugzeug steigt, kann sich – wenn er Stunden später am anderen Ende der Welt aussteigt, fragen, ob er eigentlich verreist ist: Alles sieht gleich aus: Die Häuser, die Autos, die Läden, das Essen, und irgendwo macht Heidi Werbung für die Schweiz! Wo ist nur meine Identität geblieben? Die Schweiz ist viel zu Gross!

Beat Flach, Grossrat glp, Nationaltratskandidat

10 Kommentare


Diskutieren Sie mit!

Bei Politnetz legen wir Wert auf einen konstruktiven Austausch. Bitte bleiben Sie beim Thema und respektieren Sie andere Personen. Lesen Sie unsere Diskussionsregeln.


Mehr zum Thema «Migration»

zurück zum Seitenanfang
  • Copyright © Politnetz AG 2009–2017
  • Impressum
Release: production