Das spannendeste an der neuen Ritalin-Statistik sind die regionalen Unterschiede. Im Tessin schlucken fünf mal weniger Kinder die Ruhigsteller.

Ritalin verkauft sich gut. Knapp 30'000 Menschen nehmen regelmässig den Ruhigsteller von Novartis. Verschrieben wird das Medikament vor allem an Kinder und dabei dreieinhalb mal mehr an Knaben als an Mädchen.

Ritalin macht auch vor den ganz kleinen Kindern nicht halt. Obwohl Fachleute davon abraten, werden Ritalin und ähnlich Medikamente immer häufiger an Vorschulkinder abgegeben.

Doch Stopp: Diese Zahlen gelten nur für die Deutschschweiz und die Suisse Romande, nicht aber fürs Tessin. Dort ist die Verschreibungsrate fünfmal tiefer. Dieser sehr grosse Unterschied macht hellhörig. Schliesslich sind die Tessiner Kinder in ihrer Veranlagung nicht andere Wesen als ihre Gleichaltrigen diesseits des Gotthards.

Was sind wohl die Gründe für diesen Unterschied? Sind die Tessinerinnen und Tessiner gegenüber der Lebendigkeit von Kindern toleranter? Haben Kinder im Tessin mehr Freiräume und Platz?

Kinder leiden unter der Alltagshektik und dem ständigen Hin und Her. Gleichzeitig bekommen sie zu wenig Raum, um ihre Energie und ihr Temperament auszuleben. Die räumliche Enge wird quasi durch zeitliche Dichte kompensiert. Exemplarisch dafür die absurde Idee in unseren deutschschweizer Köpfen, Kinder dürften nicht zu lange im Kindergarten sein, weil es sonst zu anstrengend werde. Anstrengend ist jedoch nicht das Verweilen, sondern die Hektik. Vielleicht haben es da die Tessiner Knirpse ganz einfach besser, weil sie ab drei Jahren einen Ganztageskindergarten besuchen dürfen. Und vielleicht brauchen sie deshalb weniger Ritalin.

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