1. August 2011: Plädoyer für die Jugend

  1. August 2011 Festansprache in Dürnten

02.08.2011 Ein Plädoyer für die „heutige Jugend“

Sehr geehrter Herr Gemeinderat Liebe Dürntnerinnen, liebe Dürtner, Kinder und Jugendliche

Die guten alten Zeiten
Erinnern Sie sich noch an die guten alten Zeiten?

  • Als wir noch herzhaft lachen konnten, wenn Mani Matter ein „Zündhölzli“ anzündete und am Ende ein Weltkrieg daraus entstand?
  • Als die ganze Nation am Samstagabend vor dem Fernseher sass und dem schwankenden Teleboy zuschaute, während die alte Dame vor versteckter Kamera ihr „Gipfeli“ in die Tasse fremder Menschen „tunkte“?
  • Als wir jeden Mittag nach Hause rannten, um Pirmin Zurbriggens Abfahrten zu bejubeln?
  • Als im männlichen Nationalrat noch Sitte und Ordnung herrschte?
  • Und Ihr, heutige Grosseltern, Urgrosseltern, erinnert Ihr Euch noch an die guten alten Zeiten, als Eure Eltern noch richtig krampfen mussten und Ihr währenddessen Stunden – ja tagelang draussen spielen durftet? Natürlich unbeaufsichtigt?
  • Und als der Nachbarsbub das Bienenhaus anbrannte, bis es nur noch Rauch und Asche war?
  • Oder als die Buben Meterweise WC-Rollen aus dem fahrenden Zug flattern liessen?

Tja, das waren noch schöne Zeiten, die guten alten Zeiten!

Die Schweiz heute?

  • Mani Matter ist nicht vielen Jugendlichen geläufig. Aber es gibt neue Schweizer Sänger, die schon bald zur Legende werden. Wer kennt nicht Steve Lee, Gölä oder Baschi?
  • Meine Kinder kennen zwar den Teleboy nicht, aber sie sehen sich Giaccobo Müller an: Natürlich nicht am Sonntagabend (das wäre zu spät für sie), sondern am Tag danach auf dem Ipod.
  • Pirmin Zurbriggen? Keine Ahnung, meinen die Kids. Aber da gibt es ja den Federer. Den Roger. Und der werde nie vergessen werden, sagen sie.
  • Im Nationalrat gibt es inzwischen auch ein paar Frauen, das sollte dem Rat aber kaum geschadet haben ;-) Ohne diese Änderung würde ich übrigens heute gar nicht da stehen, was mir die Gelegenheit gibt, mich herzlich für die Einladung zu bedanken.

Rahmenbedingungen für Jugendliche sind schlechter geworden.
Zum Thema „Draussen Spielen“ möchte ich Ihnen zwei Kurzgeschichten erzählen. Immer wenn nämlich gesagt wird, die heutige Jugend und die heutigen Eltern seien allesamt schlechter geworden, kommen mir diese zwei Geschichten in den Sinn und ich frage mich, ob dem wirklich so ist:
Neben dem Hof meiner Urgrosseltern gab es einen Hang, dort durften ungefähr 15 Kinder jeweils unbeaufsichtigt schlitteln. Stunden- ja tagelang. Doch dann geschah es: Ein Kind fuhr direkt in eine Wand und war auf der Stelle tot. Das ganze Dorf war tief betroffen und alle, wirklich alle, halfen der trauernden Familie beim Verarbeiten des Verlustes.

Nun zur zweiten Geschichte: Vor ein paar Jahren fuhr ein lustiger Bengel einer Nachbarsgemeinde täglich mit dem Trotinett herum, dabei konnte er kurz einmal nicht bremsen, raste ungewollt auf die Strasse und war auf der Stelle tot.
Viele Gemeindemitglieder waren empört: Bis hin zu Leserbriefen in der Lokalzeitung wurde den Eltern vorgeworfen, sie hätten ihre Aufsichtspflicht nicht wahrgenommen, das habe man nun davon, wenn man kein Helmobligatorium habe und wenn die Eltern sich keine Zeit mehr nehmen würden für ihre Kinder.

Warum erzähle ich Ihnen das? Weil heutige Eltern nicht schlechter sind als die Eltern der so genannt guten alten Zeit, und weil die heutige Jugend mehrheitlich eine sehr gute Jugend ist. Beide Eltern, die der ersten Geschichte, wie die der zweiten Geschichte, hatten nämlich Ihre Kinder gern und beide Eltern mussten krampfen, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Beide Kinder waren normale Kinder, die geliebt wurden. Bei beiden ist schlicht und einfach ein Unfall passiert.

Als ich mir überlegte, was ich am heutigen Nationalfeiertag sagen solle, machte ich eine kleine Umfrage auf Twitter und bat um Ideen. Die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände, welche 70 Jugendverbände vertritt, schlug spontan vor, die engagierte Jugend – heutige Schweizer Jugend – ins Rampenlicht zu stellen. Und genau das möchte ich heute tun.

Selbstverständlich sind nicht alle Jugendlichen unproblematisch. Wir kennen die Ausnahmen und wissen auch, dass dort klare Grenzen gesetzt werden müssen.
Doch am heutigen Festtag möchte ich für einmal darauf hinweisen, dass in unserem Land unzählige Stunden an Freiwilligenarbeit von Jugendlichen geleistet werden, sei es in der Pfadi, dem CEVI, in Jungwacht, Blauring oder in Sportverbänden. Die Rotkreuzjugend, meine Damen und Herren und die Samariterjugend nehmen zahlenmässig zu: Arbeit von Jugendlichen für Jugendliche. Dies lässt unsere Gemeinschaft gesunden. Mit Freuden habe ich übrigens gelesen, dass die Jugendkommission Dürnten auf eine erfolgreiche Jugendarbeit zurückblickt.

Die Streiche der heutigen Jugend sind mehrheitlich harmloser geworden – selbstverständlich gibt es Ausnahmen.
Das mit der WC-Rolle ist nicht mehr möglich, da die Fenster im Zug sich nicht mehr öffnen lassen. So oder so würden die Eltern angezeigt werden, würden ihre Kinder das tun. Erst recht, wenn ein Bienenhaus abgebrannt würde. Was früher zum Bubsein gehörte, liegt heute nicht mehr drin. Die Streiche meines Grossvaters sind heute tabu. Würden meine Kinder diese wiederholen, würde ich angezeigt werden.

Dass eine Mutter ihre Kinder stundenlang draussen spielen lässt – unbeaufsichtigt – wird von der Gesellschaft nicht mehr akzeptiert, obwohl alle wissen, dass das Draussen spielen für die Kindliche Entwicklung wichtig wäre.
Nicht die Eltern und Jugendlichen sind schlechter geworden, sondern Familien sind zu einer Minderheitsgruppe geworden, die ständig kritisiert wird und die sich sehr grossen Herausforderungen stellen muss. Man denke nur an die massiv höheren Lebenshaltungskosten oder den deutlich gestiegen Wettbewerb um Schulabschlüsse, Arbeits- und Lehrstellen. Der Verkehr ist grösser geworden und weniger Leute als früher freuen sich über Kinderlärm.

Tragende Säulen der Schweiz:
KMU, Politik, Familiäre Netzwerke, Frewilligenarbeit
Die Schweiz, deren Geburtstag wir heute feiern, wird durch verschiedene Säulen getragen und jede einzelne dieser Säulen beeinflusst die Jugend direkt oder wird durch die Jugend mitgetragen: Nebst der herrlichen Naturlandschaft, dem ausgeglichenen Klima und den attraktiven Bergen und unserem einmaligen Bildungssystem, leben wir in erster Linie durch 300‘000 klein- und mittelgrosse Unternehmen, den KMU. Es sind diese Unternehmen, welche uns den Wohlstand gebracht haben und weiterhin bringen. Viele dieser KMU sind Familienunternehmungen. Das Know How und das Herzblut für eine Tierarztpraxis, wie in meiner eigenen Familie geschehen, wurden über viele Generationen hinweg weitergegeben. Oder die Apotheke, welcher ich zugehöre, wurde bereits durch meinen Schwiegervater und dessen Schwager mit ganzem Engagement getragen. Wenn ein Unternehmen keine Nachfolge mehr findet, so geschehen beim Bäcker meines Quartiers, dann tut dies unheimlich weh. Ein Stück Geschichte verschwindet. In Dürnten gibt es über 280 Dienstleistungs- Gewerbe oder Landschaftsbetriebe: Sie wissen wovon ich spreche.

Oder aber unsere Politik ist eine tragende Säule: Auch wenn einige von Ihnen jetzt den Kopf schütteln werden: Unser politisches System ist solide und gut gebaut. Es kennt zum Beispiel das Subsidiaritätsprinzip, das so viele Kompetenzen wie möglich auf kantonaler und kommunaler Ebene belässt. Damit bleibt die Politik fassbar für alle. Auch gibt es ein Jugendparlament welches jedes Jahr im Bundeshaus tagt.
Bei uns gibt es keine einzige Macht, sondern die Verantwortung liegt auf den Schultern vieler Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen, die sich auf allen Ebenen politisch engagieren. Wäre dem nicht so, dann würde ich als Vertreterin einer 7,2% Partei im Kanton Zürich nicht vor Ihnen stehen.
Die stärkste Säule unseres Landes überhaupt sind aber die familiären und sozialen Netzwerke. Innerhalb dieser Netzwerke lernen Kinder und Jugendliche soziales Verhalten. Für diese tragende Säule sind wir alle verantwortlich: Nicht ich als Politikerin, sondern Sie und ich, liebe Gäste, als Menschen in unserem täglichen Verhalten. Zu diesem Verhalten gehört unter anderem die Freiwilligenarbeit. Im Jahr der Freiwilligenarbeit möchte ich betonen, welch wichtige Rolle die Jugend hierbei spielt. Würde die Presse diese Arbeit vermehrt würdigen, dann würden die Ausnahmen, die kleine Gruppe Jugendlicher, die eben doch randaliert, in der Öffentlichkeit weniger Gewicht gewinnen. Die Politik sollte endlich aufhören, ständig schlecht über die Jugend zu reden. Die Jugendkriminalität hat markant abgenommen. Das ist die Realität. Doch den Menschen im Land wird glauben gemacht, sie hätte zugenommen. Dies wiederum schürt Aggressionen gegenüber Jugendlichen, welche sie ihn ihrer Entwicklung negativ beeinflusst.
Einsätze von Jugendlichen in Pfadis sind mehr als Gold wert, mehr wert als politische Vorstösse in Bern und mehr wert als eine 1. August-ansprache einer Nationalrätin in Dürnten.

Die schöne Schweiz unserer Jugendlichen
Wir stehen heute zusammen und feiern alle den 1. August, unabhängig von der familiären, beruflichen oder politischen Situation. In der heutigen Festlaune gehören wir zusammen und wollen es schön haben. Wir feiern die Errungenschaften unseres Landes. Wir feiern das, was die Schweiz ausmacht, ihre Menschen; und doch:

Denken nicht viele von uns, die Einheit gehe langsam verloren? Lesen wir die verschiedenen Zeitungsberichte der vergangenen Monate: Gibt es nicht immer mehr Zweifel an unseren Werten? Hören wir nicht die Klagen der KMU, sie hätten nur schlecht ausgebildete Lehrlinge und zu viel administrative Belastung? Sind nicht viele sauer über die Grossbankenmentalität und die unsäglichen Bonusgeschichten? Sind nicht viele von uns enttäuscht, dass wir scheinbar von zahlreichen Ausländern überrollt werden?

Drehen wir den Spiess einmal um: Welches Land gilt weltweit als Hort von Sicherheit, Wohlstand und sozialem Frieden? Die Schweiz. Welche KMU haben die Wirtschaftskrise am besten überstanden: Die Schweizer. Wo gibt es eine besonders niedrige Jugendarbeitslosigkeit? In der Schweiz. In welchem Land kann das Volk per Initiative die Anzahl Ferienwochen beeinflussen? In der Schweiz. Welches Land gilt seit Jahrzehnten als Vorbild für die Integration ihrer ausländischen Bevölkerung? Die Schweiz. Bestes Beispiel hierfür sind viele Schweizer Grossunternehmen, die von Zuwanderern gegründet wurden: Nestle, Sandoz oder Swatch.
Das, meine Damen und Herren sollte täglich in den Zeitungen stehen und das sollte unserer Jugend zeigen, dass sie in einem wunderschönen Land lebt.

Die guten alten Zeiten nach 2011
Mein Wunsch für den heutigen Geburtstag der Schweiz:
Meine Kinder werden ihren Kindern in etwa folgendes erzählen:
Ach, die gute alte Zeit:

  • Die Gründung von modernen Familienquartieren ohne Durchgangsverkehr war der Anfang einer modernen Familienpolitik.
  • Pflegende Angehörige haben Auszeiten erhalten.
  • Die Familienarmut wurde erfolgreich gestoppt.
  • Unsere Lieblingsmusik war Kinderlärm
  • Fernseh und Internetkonsum wurde freiwillig stark eingeschränkt, denn das kostet Energie. Die Schweiz ist führend in der Erfindung neuer Gesesllschaftsspiele.
  • Der Nationalrat hat sich familienfreundlichere Strukturen gegeben. Nun sind auch Familien in der Politik vertreten.
  • Die Kinder sind wieder frei und dürfen unabhängig von der drückenden Aufsicht der Eltern im Freien aufhalten. Zelten ist wieder angesagt.
  • Die Schweizer Jugend wird seit Jahren wieder geliebt und gelobt. Von allen. Sie entwickelt sich deshalb prächtig
  • Und wenn wir von der Skinati gesprochen haben: Die Schweizer Skinati wurde von den Olympischen Spielen ausgeschlossen, weil ihr Material für die alten Pisten zu gefährlich ist, und sie schlicht und einfach zu gut ist : -)

Tja, liebe Festgemeinde. Die guten alten Zeiten sind vergangen. Die guten Zeiten sind da, die guten Zeiten kommen wieder.

Meine Damen und Herren, Kinder und Jugendliche sind nichts anderes als der Spiegel unserer Gesellschaft. Und wie der Philosoph Kalil Gibran es ausdrückt:
Du bist der Bogen, von dem deine Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Nun wünsche ich Ihnen, uns allen, aber vor allem den Jugendlichen, ein frohes Fest und unserem Land alles Gute zum Geburtstag.

Es gilt das gesprochene Wort.

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