Ein brandaktuelles Problem: was sage ich als Festredner anlässlich der diesjährigen Bundesfeier? Sachdienliche Hinweise sind höchst willkommen!

Ein Teil der Arbeit des Politikers (ich betone: nur ein Teil!) besteht aus Reden. Manche können das gut, andere weniger. Junge alt-Bundesräte haben gar Bücher über das Reden geschrieben. Es gibt unterschiedliche Gelegenheiten, vor Publikum zu sprechen. Ich durfte schon mit sachlichen Worten ein Geschäft an einer Parteiversammlung vorstellen. An einer Abstimmungsveranstaltung mit feurigen Worten eine Vorlage bekämpfen oder in äusserst feierlichem Rahmen am blumengeschmückten Rednerpult die Festansprache anlässlich unseres Dorffestes halten.

Und natürlich habe ich als nun doch nicht mehr ganz so junger Politiker schon rund ein Dutzend 1. August-Ansprachen halten dürfen. Diese gehören zum anspruchsvollsten. Kurz sollen sie sein. Aber nicht zu kurz, da sonst nicht mehr feierlich. Ausgewogen sollen sie sein, nicht politisch einseitig. Einen Bezug zur Schweiz sollen sie haben. Und einen zur aktuellen Zeit. Und eingeklemmt sind sie zwischen den kulturellen Darbietungen und dem Feuerwerk der Jugend.

Über was rede ich ich da?

Variante 1: eine Kurzfassung der Schweizer Geschichte?

Von der Niederlage bei Bibracte 58 vor Christus über den legendären Rütlischwur 1291, den grossartigen Sieg am Morgarten 1315 und der legendären Tat Winkelried anlässlich der Schlacht bei Sempach 1386 bis zum äusserst grausamen alten Zürichkrieg in der Mitte des 15. Jahrhunderts? Die Burgunderkriege dürften nicht fehlen (bei Grandson das Gut, bei Murten den Mut, bei Nancy das Blut). Dann natürlich Marignano 1515: das Ende der eidgenössischen Grossmachtträume. Über die Glaubensspaltung, Reformation und Gegenreformation und die Kappeler Milchsuppe könnte ich berichten. Oder dann den Weg hin zu einer modernen Schweiz mit helvetischer Revolution 1798 und der Republik bzw. der eidgenössischen Restauration und schliesslich der eigentlichen Gründung unseres Bundesstaates 1848 nach dem Sonderbundskrieg. Anschliessend könnte ich dann noch die Zeit der Weltkriege (1914/18 bzw. 1939/35) und die Zeit der Schweiz als Friedensinsel. Eventuell kurz die restriktive Flüchtlingspolitik oder die Nazigold Thematik ansprechen? Oder ginge das schon zu weit?

Ja, solche 1. August-Reden gab es schon viele. Muss ich da was ganz anderes machen? Oder geht es eben gerade um die Bewahrung der Tradition, die Besinnung auf unsere Geschichte?

Variante 2: Ein Blick auf die aktuelle Situation der Schweiz

Eine ganz andere Möglichkeit: ich kann über die aktuelle Situation der Schweiz sprechen, über die Rolle die wir zu Beginn des 21. Jahrhunderts haben. Die Schweiz als Insel des Wohlstands inmitten eines arg durchgeschüttelten Europa. Ich könnte mir überlegen, wieso das so ist, wieso wir trotz vieler Schwierigkeiten unsere privilegierte Stellung erhalten können. Ich könnte Mutmassungen anstellen, was zu tun ist, damit dies auch weiterhin so bleibt.

Ich könnte mir Überlegungen machen zum Verhältnis der Schweiz mit ihren Nachbarn. Mit ihren wichtigsten Handelspartnern. Mit ihren Lieferanten und Abnehmern. Ich könnte aufzeigen, dass wir unsere Maschinen und Elektronik, unsere Chemikalien, Präzisionsgeräte und Uhren zum grössten Teil in EU-Staaten exportieren. Dass wir für fast 250 Milliarden Franken jährlich Güter importieren, einen grössten Teil davon aus der EU.

Untervariante A:
Ich könnte dann einem EU-Beitritt das Wort reden (eine gefährliche Variante, ich weiss!), verweisen auf die Erfolgsgeschichte der EU seit der Gründung von Euratom und Montanunion in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Die rekordlange Zeit des Friedens betonen, welche diese Konstruktion unseren Kontinent beschert hat. Darauf hinweisen, es sei nicht mehr zeitgemäss, als Insel draussen vor Europas Türen zu bleiben.

Untervariante B:
Ich könnte auf der anderen Seite auch einer verstärkten Isolation das Wort reden. Ich könnte aufzeigen, dass in Europa vieles schlecht läuft, was wir in der Schweiz viel besser machen. Dass wir die Grenzen dicht machen müssen, Arbeitskräfte, Krankenschwestern, Ärzte und Servierpersonal die Einreise zu verwehren.

Untervariante C
Oder ich könnte mich – gut schweizerisch – für den Kompromiss entscheiden. Ich könnte die Bilateralen als den typisch schweizerischen Weg bezeichnen. Auf die Art, wie wir zwar weiterhin mitten in Europa drin sind, aber unsere Eigenheiten bewahren können. Den Weg als das Schweizer Modell bezeichnen, das es weiter zu führen gilt.

Variante 3: Ich profiliere mich als Visionär!

Ich zeige auf, wie die Schweiz der Zukunft aussehen wird, wie unser Land bis 2065 – anlässlich meines 100. Geburtstages – die Armut überwunden haben wird (heute gibt es 700‘000 Arme in der Schweiz). Wie wir bis dann die wichtigsten Umweltprobleme wie Klimawandel, Ozonloch, bedrohte Artenvielfalt, Kulturlandverlust usw. in Griff gekriegt haben. Wie wir nachhaltig mit Umwelt, Raum und Infrastruktur umgehen wie die Anstrengungen von Gewässerschutz, Renaturierungen und Öffnungen von Bachläufen dazu beitragen werden, unsere Gewässer nachhaltig zu sichern.

Wie wir uns – ganz Schweizer – das Sparbüchlein als Modell genommen haben und konsequent nur noch von den Zinsen und nicht mehr vom Kapital, das uns unser Land zur Verfügung stellt, leben. Wie wir unser Bruttoinlandprodukt pro Kopf weiterhin stabil und weltweit auf einem Spitzenplatz halten. Wie wir Rechtssicherheit, Chancengleichheit und Gleichstellung von Mann und Frau umgesetzt haben. Und wie wir das Ganze ausschliesslich mit ethisch vertretbaren Massnahmen und unter grosser Solidarität mit der restlichen Welt hingekriegt haben.

Ich könnte vermuten, dass viele dieser Ideen aus dem Wettbewerb anlässlich des 100 Jahr Jubiläums von Pro Juventute hervorgingen. Dieser wurde vor wenigen Tagen gestartet und hat Kinder ermuntert, mit verschiedenen Aktionen ihre Vision der Schweizer Zukunft zu entwerfen. Obwohl mir die von Pro Juventute als Beispiele mitgegebenen Zukunftsvisionen – eine Rutschbahn vom Matterhorn nach Zermatt oder eine Halfpipe vom Basler Münster – nicht unbedingt gerade äusserst erstrebenswerten und zukunftsgerichtet erscheinen.

Ja, das alles könnte ich sagen. Und noch Vieles mehr.

Was meinen Sie, liebe Leserinnen und Leser? Was raten Sie mir? Ich bin froh um Ihre Ideen, Ihre Vorschläge! Mein Publikum wird es Ihnen danken!

Herzliche Grüsse

Ihr Markus Meyer

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