Das Internet killt Tag für Tag einen Dienstleistungsjob

Für den Wochenendtrip nach London braucht es keinen Reisebüro-Angestellten – Ebookers.ch genügt. Postangestellte, die Ende Monat Zahlungen entgegen nehmen? E-Banking ist Realität. Und wer ein Buch kauft, surft zu Amazon, und mit Kindle und Co. braucht es nicht einmal mehr den UPS-Boten, der das Buch vier Tage später nach Hause liefert. Ein Klick genügt, und wieder stehen ein paar Leute auf der Strasse. Sie sehen, das Internet zieht die Pistole an allen Ecken und Enden und richtet ein Blutbad unter den Zombie-Jobs an.

Selbst die IT-Industrie hat es erfasst. Verdrängte der Media Markt einst den Fachhandel, kämpft der Grossverteiler heute selbst einen tödlichen Kampf mit Vergleichs­portalen wie Toppreise.ch. Mit 5 Prozent Marge ist jede Frage des Kunden zu teuer. Auch der gut bezahlte Exchange-Admin wird durch die Umstellung auf Google Apps überflüssig. Mailkonten kann auch der billigere 2.-Jahr-Lehrling installieren, lokal installierte Server braucht es sowieso nicht mehr. Und wer einen Entwickler für zehn Dollar die Stunde benötigt, surft zu Odesk.com.

Müssen wir Angst haben?

Wenn die Schweiz nicht reagiert, müssen wir uns zu Tode fürchten. Die Ostschweiz hatte einst eine blühende Textil-Industrie. Auf die Veränderung in der Branche hat die Region zu spät reagiert. Die Jobs wurden erbarmungslos ausgerottet. Heute gibt es noch einen einzigen Handsticker, der seine Maschine (Baujahr 1870) professionell einsetzt. Sollen wir die Jobs subventionieren? Das machen wir schon bei den Bauern. Die Produkte bleiben trotzdem zu teuer und sind international bedeutungslos. Oder sollen wir das Internet verbieten? Als die Schweizer Uhrenindustrie in den 80er-Jahren am Boden lag, hätten wir die Japaner auch bitten können, dass sie aufhören, Digitaluhren zu produzieren. Sinnlos. Branchenveränderungen sind nicht aufzuhalten. Wollen wir dagegen erfolgreich bleiben, gibt es nur eine Antwort: Stellen wir uns der Herausforderung.

Wir brauchen die beste Infrastruktur

Es sind Autobahnen und Bahnhöfe, die ganze Regionen an den Wirtschaftsstandort Schweiz anschliessen. Es sind Bergbahnen, die aus einem verschlafenen Dorf einen attraktiven Touristikort mit tausenden von Jobs machen. Und es sind schnelle Internetleitungen, die uns in eine wohlhabende Zukunft führen. Wir Schweizer glauben gerne, dass wir die beste Infrastruktur haben, aber das ist Selbstbetrug. Die Schweiz wird von Ländern wie Schweden, Rumänien und Südkorea abgehängt. Singapur hat ein ehrgeiziges Ziel: In jedem Haushalt Internetleitungen mit einem Durchsatz von 1 Gbps, welche unsere «High-Speed»-Internetanschlüsse wie Trabis aus der DDR-Zeit aussehen lassen.

Wollen wir an die Spitze, braucht es eine nationale Anstrengung. In den 60-er-Jahren forderten deutsche Politiker für jedes Haus alle 20 Kilometer eine Autobahnauffahrt, und US-Präsident Kennedy rief seinen Landsleuten zu: «In zehn Jahren auf den Mond». Zu solch einem mutigen Schritt müssen wir fähig sein. Ich fordere bis 2017 in jedem Schweizer Haushalt 1 Gbps Up- und Download. Wenn wir das schaffen, warten hunderttausende neue und besser bezahlte Jobs in der Telemedizin, in der Software-Industrie, im E-Learning, in der Biotechnologie und in den Zulieferindustrien der Welt auf uns Schweizer.

Es gibt einen Grund, warum wir als eines der wenigen Ländern einen Handelsbilanzüberschuss mit China aufweisen: Weil wir Herausforderungen annehmen und Spitzentechnologie liefern. Nehmen wir auch die Internet-Herausforderung an, und katapultieren wir die Schweiz bis 2017 an die internationale Spitze. Sehen wir es als nationales Pflichtprogramm an, in jedem Haushalt für 1 Gbps Up- und Download zu sorgen.

Quelle:
Kolumne http://www.itmagazine.ch/artikel/art_details.cfm?aid=47198

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