Wählerzuwachs bei SVP und GLP wird auf das Konto der Stimmen für FDP, CVP und SP gehen. Europa-, Migrations- und Atomfragen werden den Wahlkampf dominieren.

Es ist definitiv zu früh, heute schon eine Prognose für den Ausgang der Nationalratswahlen abzugeben. Allerdings kann man von den jüngsten und aktuellen Trends ausgehen, den Dingen, die das Volk bewegt und beschäftigt.

Hätte nicht die Fukushima-Katastrophe stattgefunden und die Bevölkerung bezüglich Kernenergie verunsichert, läge politisch eine stabilere Ausgangslage vor. Mit dieser Verunsicherung der Bevölkerung hat sich auch ein schlecht berechenbarer neuer Faktor in die politische Entscheidungsfindung des Volks eingeschlichen. Es erstaunt deshalb nicht, dass diverse politische Parteien und Akteure die Ängste der Bevölkerung vor einer nuklearen Katastrophe in Hinblick auf die Nationalratswahlen systematisch bewirtschaften. Diese Kreise tun dies vor allem mit dem Ziel, die Atomfrage zu einem zentralen Wahlkampfthema zu machen. Weitaus wesentlichere Themen, die dringlicher und für die Bevölkerung im Alltag weitaus spürbarer sind als ein hypothetischer KKW-GAU in der Schweiz, lassen sich so natürlich bequem in den Hintergrund drängen. Es fragt sich nur, ob die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger sich von der Politik für dumm verkaufen und sich Sand in die Augen streuen lässt. Ich gehe davon aus, dass die Fukushima-Katastrophe vor allem den Grünliberalen Wählerstimmen zuschachert. Andere Parteien, die jetzt plötzlich auf den Antiatom-Zug aufspringen, agieren dadurch hingegen zu durchsichtig opportunistisch.
Stammwähler, die bisher SP, Grüne und Grünliberale wählten, werden nach der Fukushima-Katastrophe weiterhin ihrer Partei treu bleiben. Atomkritische Stammwähler der CVP und der FDP werden wegen Fukushima möglicherweise neu Grünliberal wählen, weil sie endlich Taten statt Worte wollen. CVP und FDP müssen da womöglich mit Verlusten rechnen. Stammwähler der SVP, die atomskeptisch sind, haben hingegen keine Veranlassung zu Grünliberal zu wechseln, weil die SVP ja nicht um jeden Preis Kernenergie will, aber mit Weitblick in die Zukunft eine vernünftige Lösung anstrebt, die gesellschaftlich, wirtschaftlich und technologisch realistisch ist.
Das Segment der Wechselwähler ist das flexibelste Segment, das am spürbarsten auf die Fukushima-Katastrophe reagieren dürfte. Dabei ist anzunehmen, dass eher bürgerliche Wechselwähler GLP wählen werden, vereinzelte auch SP oder Grüne.

Im weiteren dominiert die Europafrage. Rund vier Fünftel der Bevölkerung stehen einem EU-Beitritt skeptisch bis ablehnend gegenüber. Man darf annehmen, dass sich dies für die pointiert proeuropäischen Parteien FDP, CVP, SP, GLP und GP eher negativ als positiv auswirken wird.

Auch soziale Fragen beschäftigen die Schweizerinnen und Schweizer Nicht nur weil je nach Statistik 10-20% der Menschen an oder unter der Armutsgrenze leben sondern auch weil dies auch für den Mittelstand unübersehbar und unangenehm ist.
Einerseits also wird das Volk Parteien wählen, die für den Werkplatz Schweiz konstruktiv sind und also inländische Produktion stärken und Arbeitsplätze verheissen. Andererseits wird das Volk auch Parteien wählen, deren Wirtschaftspolitik anständig entlöhnte Arbeitsplätze speziell für Schweizer Bürgerinnen und Bürger schafft (Abbau der Personenfreizügigkeit). Einen weiteren Sozialabbau und Abbau des Service Publique wird das Volk eher nicht wollen, besonders weil gerade auch der Mittelstand darunter leidet.

Parteien sodann, die sich auf die Sonderwünsche exzentrischer Minderheiten spezialisiert haben und mit erster Priorität die spezifischen Probleme dieser Minderheiten lösen wollen, dabei den Blick für das ganze Staatswesen und die ganze Gesellschaft verlieren, werden eher einen Wählerrückgang zu verzeichnen haben.

Ungeachtet von der Fukushima-Katastrophe ist zu erwarten, dass die pragmatische SVP ihren Wähleranteil hält oder eher sogar noch steigert. Denn die SVP steht für pragmatische, intelligente Lösungen, die greifen und mehr sind, als Schall und Rauch und Gesetzestexte, die in Schubladen vergammeln und nicht angewendet werden.
Die FDP dürfte Wählerstimmen verlieren, ebenso die CVP, einerseits an die GLP, andererseits an die SVP. Die Grünen werden über ihre derzeitige Stammwählerschaft vermutlich nicht hinaus kommen. Die SP wird vermutlich Wähler verlieren, Leute die den Personenkult um Cédric Wermuth nicht goûtieren und schon gar nicht die derzeit von ihm und der JUSO mitgeprägte Eigensinnig-Politik der SP (Parteiprogramm, Abwahl Anita Thanei, Videospielverbote bei gleichzeitiger Haschlegalisierung, etc.); die Frage ist, welche Parteien die Wähler, die bei der SP abspringen, wählen werden: Grüne, CVP, FDP oder SVP? Hier mag die Migrations- und Europapolitik der SVP ausschlaggebend sein. So lange die SVP ihren derzeit vernünftigen, an den Bedürfnissen der benachteiligten Bürgerinnen und Bürger orientierten sozialpolitischen Kurs hält, ist neben der CVP auch die SVP eine Option für ehemalige SP-Wähler, während die FDP da eher im Abseits steht, wie auch der zweite Skandal innerhalb von zwei Jahren im von der FDP geführten Sozialwesen der Gemeinde Bonstetten ZH andeutet. Die Entwicklung der BDP bleibt unklar.

Die Bevölkerung will Stabilität und klare Verhältnisse. Grössere Verschiebungen sind nicht zu erwarten. Am ehesten wird die GLP von der Fukushima-Katastrophe profitieren. Die europapolitische Skepsis der Bevölkerung und ungebremste und vor allem unkontrollierte Immigration und alle hieraus entstehenden wirtschaftlichen und sozialen Konflikte werden einzig von der SVP ernst genommen, weshalb sie nebst der GLP ebenfalls einen Wählerzuwachs verzeichnen könnte. Die Grünen dürften ihre Stammwählerschaft halten. Eventuell verlieren sie eher bürgerliche bisherige Wähler an die GLP. Die SP wird wegen diversen Inkonsistenzen in den letzten Jahren vermutlich einen weiteren Wählerverlust hinnehmen müssen. Der Wählerzuwachs bei GLP und SVP dürfte auf das Konto der Stimmen für FDP, CVP und SP gehen. Europa-, Migrations- und Atomfragen werden den Wahlkampf dominieren.

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