Zurück ins Dorf

Hier kennt jeder jeden. 15′000 Einwohner hat der Kanton Appenzell Innerrhoden. Privatsphäre ist ein Fremdwort. Das Wort fremd ist aber nicht schlimm, hier sind Fremde sehr willkommen, solange sie als Touristen einreisen, Geld bezahlen, angezogen sind und dann auch wieder nach Hause fahren (o.k., als Gastarbeiter sind sie auch länger willkommen).

Wer in Appenzell aufwächst, hat wenig Privatsphäre. “aha, em Dörig sin Junge vo de hindere”. Und schon kennt jeder die Lebensgeschichte von drei Generationen zurück. Hier bleibt nichts verborgen, wer etwas wärmer veranlagt ist, braucht kein Coming-out, das wurde schon längst von den Mitschülern erledigt und hat sich im Dorf herumgesprochen. Wer einen “Seich” macht, wird sein Leben lang gebrandmarkt. Ich selbst wohne im Ausserrhoden. Hier ist es ein wenig besser, aber es kennt trotzdem immer noch jeder jeden.

Für Städter mag dies seltsam klingen, aber in Appenzell bedeutet das soziale Netz Gemeinschaft. In schweren Zeiten hält man zueinander, und wenn es darauf ankommt, setzt man sich füreinander ein. Die Geschicke des Kantons werden noch von Hand an der Landsgemeinde bestimmt. So wie es sich gehört – für viele leider mit den Frauen.

Was haben es die Städter da doch besser. Dort kennt nicht jeder jeden. Geschichten und Eskapaden gehen vergessen und man erhält immer eine Chance, als unbeschriebenes Blatt neue anzufangen.

Will das der Städter?
Ich frage mich, will der Städter diese Anonymität? Er meldet sich bei Twitter an und erzählt uns von seinem Pizza-Erlebnis, peinliche Videos verfolgen ihn ein Leben lang auf Youtube. Über Facebook, Xing & Co. ist jeder mit jedem verbunden und auf politznetz.ch verrät er seine ganz persönliche politische Einstellung.

Im sozialen Internet kennt jeder jeden. Das ist schon fast wie in Appenzell.

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